Wenn Hans Merkinger von Karten spricht, leuchten seine Augen. Für den Mathematik- und Sportlehrer am BRG Waidhofen ist Tarock weit mehr als bloßer Zeitvertreib – es ist ein Stück Heimat, gelebte Geselligkeit und ein faszinierendes Taktikspiel
Seit mehr als einem Jahrzehnt vermittelt er diese Leidenschaft im Bildungshaus St. Benedikt. Der nächste Anfängerkurs startet dort am 3. November und besteht aus insgesamt zwölf Abenden und wird im Februar mit einem Turnierabend beschlossen.
Wurzeln in der Kindheit und im Internat
Dem Kartenspiel begegnete Merkinger bereits in frühester Jugend. Sein Vater, der weltweit im Stahlwerksbau tätig war, nahm die Familie oft mit auf Reisen. „In der damaligen Zeit hattest du noch keine großen Spiele dabei, aber ein paar Karten hatte man immer bei der Hand“, erinnert sich Merkinger. Mit etwa zehn Jahren lernte er von seinem Vater das Tarockieren. Nachdem die ältere Schwester aus dem Haus war, spielten er und seinen Eltern eine Dreier-Variante. „Dabei geht leider ein bisschen was verloren, denn das Schönste am Tarock ist eigentlich das Spiel zwei gegen zwei.“ Später, während seiner Schulzeit im Internat des Stiftes Seitenstetten, vertiefte Merkinger das Spiel weiter. Regelmäßig wurde mit den Patres gekartelt. Schon damals fielen ihm regionale Unterschiede auf: Während im Markt Seitenstetten meist die Variante „19er rufen“ gespielt wurde, galt im Stift traditionell das „Königrufen“. Das Grundspiel bleibt zwar gleich, doch die Art und Weise, wie man seinen Spielpartner bestimmt, ist verschieden. Interessantes Detail am Rand: Das „Königrufen“ wurde im April 2024 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Ein einheitliches Regelwerk für ganz Österreich
Entstanden ist das Spiel um 1425 in der Po-Ebene in Italien. Die Vielfalt an Varianten, die sich seither entwickelt hat, ist Fluch und Segen des Tarockierens zugleich. Treffen sich Spieler aus unterschiedlichen Regionen, verbringen sie oft viel Zeit damit, sich überhaupt auf gemeinsame Regeln zu einigen. Um diesem Umstand abzuhelfen, schuf der Wiener Christian Rieseneder um das Jahr 2005 ein ausgeklügeltes, abgestimmtes Regelwerk. Das Ziel: nachvollziehbare Standardregeln für ganz Österreich zu etablieren, bei denen die Spielkunst im Vordergrund steht und das reine Kartenglück zurückgedrängt wird. Obgleich große oberösterreichische Turnierserien wie der Mühlviertler- oder der HausruckCup – die Hochburgen mit teils über 150 Teilnehmenden pro Abend – traditionell bei ihren alten Varianten blieben, begeisterte Merkinger dieses ausgewogene System sofort. Er beschloss, genau diese Regeln zur Grundlage seiner Kurse zu machen.
Erfolgsgeschichte im Bildungshaus St. Benedikt
Der Weg zum Kursleiter ergab sich eher zufällig. Nachdem Merkinger einigen Lehrerkollegen im Gymnasium Waidhofen das Spiel beigebracht hatte, brachte seine Frau – eine Yoga-Lehrerin – das Thema bei der Leitung des Bildungshauses St. Benedikt ins Gespräch. 2013 fand der erste Anfängerkurs statt. „Ich dachte mir, ich setze mich auch hin, wenn nur sechs oder acht Leute kommen“, erzählt Merkinger. Am Ende waren es auf Anhieb rund 15 Teilnehmer. Die Grundstruktur des Kurses ist bis heute erhalten geblieben. Vor Weihnachten starten sieben Abende zu je zwei Stunden, im Jänner folgen weitere vier Abende und das Abschlussturnier im Februar. Die Teilnehmer spielen meist an Fünfer-Tischen. So kann ein Tisch problemlos weiterspielen, wenn jemand an einem Abend verhindert ist. Auf Wunsch ehemaliger Schüler kamen später zwei Intensiv-Tageskurse für Taktik und vertiefte Spielanalyse hinzu, deren Methodik sich Merkinger unter anderem bei der Linzer Tarock-Akademie abschaute. Über die Jahre hat Merkinger so rund 250 Menschen das Tarockieren beigebracht. Und mit einem hartnäckigen Vorurteil räumt die Statistik rasch auf: Tarock sei reine Männersache. „Über die Jahre haben wir bei den Kursen sogar etwas mehr Damen als Herren“, schmunzelt der Kursleiter.
Vom Stammtisch zur Gründung des Mostviertler Tarock-Vereins
Aus den Kursen heraus entstanden lebendige Runden. Neben offenen Treffs in Waidhofen, St. Peter und Zeillern etablierte sich vor allem die Montagsrunde im Gasthaus Wieser in Seitenstetten. Hier verabreden sich Woche für Woche Spieler, um an bis zu fünf Tischen zu spielen. Um das Spiel in der Region weiter zu verankern und eigene Turniere vor der Haustür anzubieten, reifte die Idee einer regionalen Turnierserie. Im Mai gründete Merkinger gemeinsam mit neun engagierten Mitstreitern aus der Tarock-Community den Mostviertler TarockVerein mit Sitz in Seitenstetten. Als Obmann fungiert Merkinger selbst. In der Premierensaison stehen fünf Turniere in der Region auf dem Programm: Gespielt wird im Gasthaus Kappl (Biberbach), Gasthaus Ott (Seitenstetten), Gasthaus zur Post/Zmug (Aschbach), Gasthaus Teurezbacher (St. Peter/Au) und das Finale dann im Gasthof Sindhuber/Hundsmühle (Seitenstetten). Die Ergebnisse fließen in eine Gesamtwertung ein. Zur Abrechnung greift der Verein auf die bundesweite Plattform tarockcups.at zurück, die auch Voranmeldungen ermöglicht und Turnierergebnisse transparent verwaltet.
Geselligkeit, Geistestraining und Magie
Wer glaubt, beim Tarock ginge es um verruchtes Glücksspiel und hohe Geldeinsätze, irrt. Zwar wird bei Spielrunden um Cents gespielt, doch dient das Geld lediglich als organisatorisches Korrektiv. „Der Hauptgewinner an so einem Abend muss immer der Wirt sein“, stellt Merkinger klar. Der kleine Obolus verhindert lediglich, dass Spieler bei der Lizitation – dem Versteigern der Spielstufen – völlig unbegründete Risiken eingehen. Viel wichtiger ist Merkinger der soziale und mentale Wert des Kartenspiels. Er erlebte bei seinen eigenen Eltern, wie sehr das gemeinsame Spiel anspornen kann, auch im Alter geistig und körperlich aktiv zu bleiben. „Die Leute treffen sich, haben Freude miteinander und sitzen nicht alleine zu Hause. Wenn man je gezweifelt hat, ob Tarockkurse in ein katholisches Bildungshaus passen, kann ich nur sagen: Ja, sie haben dort genau ihren Platz!“
„Königrufen“ für Anfänger Teil 1 Beginn: Dienstag, 3. November (nachfolgend jeden Dienstag bis 15. Dezember, ausgenommen Mittwoch, 9. Dezember) Zeit: 19.00 bis 21.00 Uhr Kosten: € 70,Anmeldung: E-Mail an bildungszentrum@st-benedikt.at oder Tel. 07477/428 85 (via WhatsApp) weitere Infos: www.st-benedikt.at

